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Die Geschichte des Mietshauses Oranienstraße 169

von 1862 bis heute - 160 Jahre Berlin Kreuzberg

Von Gemüsegärten zu den Mietshäusern

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war diese Gegend eher von Landwirtschaft und Gartenbau geprägt. Die französischen Hugenotten aus Oranien, die um 1713 in der Gegend angesiedelt wurden, legten hier Gemüsegärten an. Der Bebauungsplan wurde 1842 genehmigt, Straßennetz und Blockeinteilung festgelegt. Erste mehrgeschossige Mietshäuser entstanden in der Dresdener Straße (Nr. 23, 24) und der Oranienstraße (Nr. 172, 173).

Orange wird zu Oranien

Bereits um 1740 hatte die Straße den Namen Orangenstraße erhalten. Ein möglicher Benennungsgrund könnte die Ansiedlung französischer Hugenotten aus Oranien sein (frz. Orange, ehemaliges französisches Fürstentum mit der Hauptstadt Orange im Département Vaucluse), das 1702 durch Erbschaft an Preußen kam. Am 24.03.1849 erhielten die Orangenstraße und die Neue Orangenstraße den Namen Oranienstraße.

Quelle: Kauperts Straßenführer durch Berlin, Edition Luisenstadt

Das Haus Oranienstraße 169 wird erbaut.

Entwurf:     Glettig, E. (Maurermeister)
Entwurf:     Born, Friedrich (Zimmermeister)
Bauherr:     Born, Friedrich (Zimmermeister)

Das Haus Oranienstraße 169 wurde 1861 - 1862 erbaut. Zeitgleich stellten die drei genannten Herren auch das Haus Oranienstraße 168 fertig. 

Die meist von Arbeitern und Handwerkern bewohnten Häuser besaßen viele Klein- und Kleinstwohnungen niedrigen Ausstattungsstandards. Was die Größe betrifft, ist es vor allem in den Hinterhäusern bis heute noch so.

Die Mietshausquartiere um Oranien- und Heinrichplatz sind als Denkmal geschützt. Auch dieses Mietshaus steht als Ensembleteil auf der Denkmalliste.

Quelle: Landesdenkmalamt Berlin 

Die "Moritzplatz-Krawalle"

Geschichte wiederholt sich:
"Moritzplatz-Krawalle" - Berliner Mieterprotest 1863

Die Moritzplatz-Krawalle fingen am 29. Juni an und dauerten bis 04. Juli 1863. Eine fristlose Kündigung und das Plakat "Warnung! Wegen Aufstellung eines eisernen Ofens in meiner Wohnung ist mein Lokal durch Exmission geschlossen. A. Schulze" brachten bald 10.000 Menschen auf die Straße, es gab 426 Verhaftungen.

Ein wunderbares Essay vom Historiker Kurt Wernicke findet ihr in "Die Luisenstadt - Geschichte und Geschichten über einen alten Berliner Stadtteil". Edition Luisenstadt. Erschienen 1995, Reprint 2017 Berlin Story Verlag, ab Seite 149

Das Essay auf der Website des Bürgervereins Luisenstadt

Kreuzberger Mischung

In den 1880er Jahren verwandelte sich die Oranienstraße in eine Geschäftsstraße, viele der Mietshäuser wurden umgebaut, Souterrain und Hochparterre häufig zu einer ebenerdig zugänglichen Ladenzone zusammengefasst. Zugleich wurden die Blockinnenbereiche mit Wohngebäuden sowie mit den für die Luisenstadt charakteristischen Hinterhoffabriken verdichtet.

Diese Entwicklung mündete in den Bau großer Industrie- und Gewerbehofanlagen, die bis 1914 verstärkt errichtet wurden und für die so genannte "Kreuzberger Mischung" von Wohnen und Arbeiten kennzeichnend sind. 

Umbau 1883

Umbau 1898 - 1901

Kurfürstendamm des Ostens

Oranien- und Moritzplatz wurden in den beiden Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg von der Citybildung erfasst. Mit vielen kleinen Ladengeschäften wurde die Oranienstraße zu einer beliebten Einkaufsstraße und wurde "Kurfürstendamm des Ostens" genannt. Mit den beiden Wertheim-Warenhäusern und den Kaufhäusern Maassen und Jacoby bildete sich ein Geschäfts- und Einkaufszentrum heraus.

Den Abschluss dieses Prozesses markiert das 1930-33 nach Plänen von Max Taut und Franz Hoffmann erbaute Warenhaus der Konsumgenossenschaft am Oranienplatz.

Das Gebäude ist erhalten. Die Verbraucher-Genossenschaft, auch kurz Konsum Berlin genannt, wurde von Nationalsozialisten als "Reste marxistischer Wirtschaftsformen" verfolgt. Noch vor ihrer Machtergreifung bildeten die Nationalsozialisten die Kampfgemeinschaft des gewerblichen Mittelstandes gegen Warenhaus und Konsumverein. Nach 1933 verschärften sich die Übergriffe und Repressionen. Die Genossenschaft gab am 25. September 1935 ihre Liquidation bekannt.

Im Dezember 1945 wurde sie im sowjetischen Sektor von Berlin wiederbelebt. Die Gründung der DDR führte aber dazu, dass ab 1950 der Konsum Berlin fast nur noch Einwohner aus den östlichen Stadtbezirken angehörten. Der Konsum Berlin war bis 1989 die größte Konsumgenossenschaft in der DDR und die viertgrößte weltweit.

Quelle: Beitrag Konsumgenossenschaft Berlin, Wikipedia

Ein Selbsthilfeprojekt stellt sich vor

Aus der Zeitschrift DRUCKSACHE Nr. 11 v. 12.11.1993, 
Magazin der Erneuerungskommission Kottbusser Tor, Seite 2

Selbsthilfe

Vier Millionen Mark soll nach ersten Schätzungen die Sanierung des Hauses Oranienstraße 169 kosten. Für 1,2 Millionen Mark wurde es von einer Käufergruppe erworben, die es mit Selbshilfeförderung des Senats instandsetzen will. Begehungen fanden bereits statt, und in der Senatsbauverwaltung soll man dem Vernehmen nach signalisiert haben, daß eine Förderung möglich sei. Die schriftliche Zustimmung steht indes noch aus, da das Kreuzberger Stadtplanungsamt noch eine Stellungnahme abgeben muß. Die Käufer sind derzeit mit den Mietern im Gespräch, die sich teils zur Mithilfe an den Arbeiten bereit erklärt haben sollen. Als Gegenleistung erhalten sie günstige Mietkonditionen. Das Thema wird am 23. November in der EK besprochen.

Zeitschrift DRUCKSACHE aus dem Archiv des Friedrichshain-Kreuzberg Museums, als PDF-Datei

Selbsthilfeprojekt "Abgesegnet"

Aus der Zeitschrift DRUCKSACHE Nr. 12 v. 10.12.1993, 
Magazin der Erneuerungskommission Kottbusser Tor, Seite 2

Abgesegnet

hat die Erneuerungskommission das Selbsthilfe-Projekt Oranienstraße 169. Nach einer kurzen Erläuterung des Vorhabens durch den Architekten und die Selbsthelfer-Gruppe empfahl die EK dem Bezirksamt, „unter der selbstverständlichen Maßgabe, dass keiner der Wohn- und Gewerbemieter durch die Sanierung verdrängt wird“ eine Befürwortung des Projekts. Die Befürwortung hatte der für die Bewilligung des Selbsthilfe-Förderantrags zuständige Bausenator zur Bedingung für seine Zustimmung gemacht, den Selbsthelfern öffentliche Kredite zu geben. Nur vage schätzen konnte man allerdings, wann die Selbsthelfer mit den Bauarbeiten endlich beginnen zu können. Ein Mieter: „Lohnt es sich denn für mich überhaupt, wenn ich jetzt noch anfange zu renovieren?“ Reaktion der EK: reihenweise bedächtiges Kopfnicken.

Zeitschrift DRUCKSACHE aus dem Archiv des Friedrichshain-Kreuzberg Museums, als PDF-Datei

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