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Mietshaus Oranienstraße 169

am "Kurfürstendamm des Ostens"

Die Postkarte "Gruss aus Hoffmann's Schultheiss Bier-Quelle, Oranienstr. 169" hat Familie Hoffmann mit Geburtstagsgrüßen per Post an einen Onkel in Nieder-Schöneweide geschickt, abgestempelt am 18. Dezember 1914 in Berlin 42, Tempelhof.

So erfuhren wir, dass sich 1914 im Mietshaus Oranienstraße 169 in Berlin Kreuzberg das Bier Lokal "Hoffmann's Schultheiss Bier-Quelle" befand. Destillation, Restauration,  Frühstückstisch, Fernsprecher, "Weiss Bayr. Bier Lokal". Am Eingang zum Lokal posiert vermutlich Herr Hoffmann selbst, allein. Hinter dem Tresen auch mit einer Dame. Auf dem dritten Foto sind acht Erwachsene und zwei Kinder zu sehen.

Die Hoffmann's sind schon lange fort. Bayerisch Hell wird aber auch heute noch gern getrunken in dem Haus.

Mal sehen, was noch alles darauf wartet, das jemand neugieriges Archive durchstöbert und Dinge zu Tage fördert, auf die wir von alleine nicht kämen.

Sie ahnen schon: es wird hier um die wechselvolle Geschichte des Hauses Oranienstraße 169 in Berlin Kreuzberg gehen. Das Mietshaus wurde 1862 erbaut, vor 160 Jahren.

Es bedeutet viel Arbeit und Mühe. Wenn wir es schaffen, vor allem die jüngeren Bewohnerinnen des Hauses dafür zu begeistern, könnten auch Stolpersteine folgen. Noch sind sie rar in der Oranienstraße.

Ein Zufallsfund aus dem Archiv: "Selbsthilfeprojekt Oranienstraße 169"

Die Postkarte aus dem Jahr 1914 war ein Zufallsfund bei einem Online-Händler für historische Ansichtskarten im Frühjahr 2022. Danach suchten wir nach mehr und wurden während der Recherche im Archiv des FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museums in zwei Ausgaben der Zeitschrift DRUCKSACHE aus dem Jahr 1993 fündig. Es waren Hinweise auf ein Selbsthilfeprojekt in der Oranienstraße 169.

Aus der Zeitschrift DRUCKSACHE Nr. 11 v. 12.11.1993, Magazin der Erneuerungskommission Kottbusser Tor, auf Seite 2 (Archiv FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum, Inventar-Nr. 2015/1600)

Selbsthilfe

Vier Millionen Mark soll nach ersten Schätzungen die Sanierung des Hauses Oranienstraße 169 kosten. Für 1,2 Millionen Mark wurde es von einer Käufergruppe erworben, die es mit Selbshilfeförderung des Senats instandsetzen will. Begehungen fanden bereits statt, und in der Senatsbauverwaltung soll man dem Vernehmen nach signalisiert haben, daß eine Förderung möglich sei. Die schriftliche Zustimmung steht indes noch aus, da das Kreuzberger Stadtplanungsamt noch eine Stellungnahme abgeben muß. Die Käufer sind derzeit mit den Mietern im Gespräch, die sich teils zur Mithilfe an den Arbeiten bereit erklärt haben sollen. Als Gegenleistung erhalten sie günstige Mietkonditionen. Das Thema wird am 23. November in der EK besprochen.

Aus der Zeitschrift DRUCKSACHE Nr. 12 v. 10.12.1993, Magazin der Erneuerungskommission Kottbusser Tor, auf Seite 3 (Archiv FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum, Inventar-Nr. 2015/1601)

Abgesegnet

hat die Erneuerungskommission das Selbsthilfe-Projekt Oranienstraße 169. Nach einer kurzen Erläuterung des Vorhabens durch den Architekten und die Selbsthelfer-Gruppe empfahl die EK dem Bezirksamt, „unter der selbstverständlichen Maßgabe, dass keiner der Wohn- und Gewerbemieter durch die Sanierung verdrängt wird“ eine Befürwortung des Projekts. Die Befürwortung hatte der für die Bewilligung des Selbsthilfe-Förderantrags zuständige Bausenator zur Bedingung für seine Zustimmung gemacht, den Selbsthelfern öffentliche Kredite zu geben. Nur vage schätzen konnte man allerdings, wann die Selbsthelfer mit den Bauarbeiten endlich beginnen zu können. Ein Mieter: „Lohnt es sich denn für mich überhaupt, wenn ich jetzt noch anfange zu renovieren?“ Reaktion der EK: reihenweise bedächtiges Kopfnicken.

 

Archiv des FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museums

Im Archiv des FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museums befinden sich Gutachten, Berichte und Fotografien von S.T.E.R.N GmbH zur Altbausanierung, Dokumente des Vereins SO 36 zu Bürgerbeteiligungsprojekten, Plakate, Flugblätter und Stadtteilzeitungen von Bürgerbewegungen, darunter ein nahezu kompletter Satz der Zeitschriften „SüdWest-Express“, „Instand-Besetzer-Post“, „Kiez-Depesche“, „Drucksache“, „Verein SO36 informiert“ sowie „Südost Express“.

Digitales Archiv des FHXB Friedrichrichshain-Kreuzberg Museums

„Drohender Verkauf der Oranienstraße 169“

Als die Mieter*innen im Mai 2022 von dem geplanten Verkauf des Mietshauses erfuhren, machten sich viele im Haus Sorgen, dass das Haus an einen Investor verkauft werden könnte. Aus der direkten Nachbarschaft in der Oranienstraße kannten sie viele Beispiele der Verdrängung durch schneller steigende Mieten.

Hilfesuchend wandten sie sich an das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg und an Politiker*innen, die ihren Wahlkreis im Bezirk haben.

Katrin Schmidberger, Abgeordnete von Grüne im Berliner Abgeordnetenhaus war der Meinung, dass allein eine Aufwertung des Hauses zur Verdrängung der Altmieter*innen führen könne – „wie leider schon in anderen Fällen oft erlebt“ und richtete eine schriftliche Anfrage mit dem Titel „Drohender Verkauf der Oranienstraße 169“ an den Berliner Senat und fragte danach, welche öffentlichen Mittel seit den 1990er Jahren für die Modernisierung/Instandhaltung des Hauses in der Oranienstraße 169 bewilligt wurden.

Aus der Antwort auf die schriftliche Anfrage Nr. 19 / 13 194 vom 12.09.2022 geht hervor, dass die Sanierung mit ca. 3,5 Millionen DM „für besondere wohnungspolitische Projekte“ gefördert wurde.

Die Tageszeitung taz berichtete am 03.11.2022 über den drohenden Verkauf und titelte den Bericht von Gareth Joswig mit "Verdrängung in Berlin-Kreuzberg: Linke Vermieter. Ausgerechnet eine linke Eigentümergemeinschaft plant den Verkauf ihres Mietshauses an einen Investor. Die Mieter*innen protestieren."

Sammlung im FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum

Eine Sammlung im FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum liefert auch viele Hinweise zu der Gegend:

"In den Mietskasernen der Oranienstraße und ihrer Umgebung wohnten seit Ende des letzten Jahrhunderts zusammengedrängt Arbeiter und kleine Gewerbetreibende. Der jüdische Anteil der Bevölkerung war nicht besonders hoch, aber seit Ende des 19. Jahrhunderts strömte eine große Zahl mehr oder weniger mittelloser Menschen jüdischen Glaubens aus der Provinz Posen und aus Galizien nach Berlin.

Sie eröffneten kleine Ladengeschäfte in und um die Oranienstraße, die zu einer beliebten Einkaufsstraße wurde - bald "Kurfürstendamm des Ostens" genannt. Neben den Läden gab es nach einigen Jahren auch größere Geschäfte und sogar ein repräsentatives Warenhaus, Wertheim am Moritzplatz. Die Erfolgsgeschichte des bekannten Warenhauskonzerns begann in der Oranienstraße - wie auch die der Schuhhauskette Leiser.

In den Fabriketagen der Hinterhöfe wurden Knöpfe, Pantoffeln oder Leuchter produziert. In den Vorderhauswohnungen praktizierten und wohnten (Kassen)Ärzte und Rechtsanwälte. In der Umgebung der Straße gründeten die orthodoxen zugewanderten Juden Betstuben und Hinterhofsynagogen.

Im Nationalsozialismus begann die Verdrängung der Juden aus dem Geschäftsleben und aus den kulturellen Einrichtungen. Als Folge eröffnete in der Nähe des Moritzplatzes ein neues Theater: das Theater des Jüdischen Kulturbundes, einer erzwungenen Selbsthilfeorganisation jüdischer Künstler. Ende der 1930er Jahre stieg die Zahl der sich ins Ausland flüchtenden jüdischen Bewohner sprunghaft an. Im November 1941 begannen schließlich die Deportationen aus der Oranienstraße in die Ghettos und Lager im Osten."

Quelle: https://berlin.museum-digital.de/collection/447?

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Geschichte wiederholt sich:
"Moritzplatz-Krawalle" - Berliner Mieterprotest 1863

Da war das Mietshaus Oranienstraße 169 noch nicht mal ein Jahr alt,  vor 159 Jahren, fingen am 29. Juni 1863 die "Moritzplatz-Krawalle" an und dauerten sechs Tage.

Eine fristlose Kündigung und das Plakat "Warnung! Wegen Aufstellung eines eisernen Ofens in meiner Wohnung ist mein Lokal durch Exmission geschlossen. A. Schulze" brachten bald 10.000 Menschen auf die Straße.

Unter den 426 Verhafteten waren mehrheitlich Lehrlinge, Maurer-, Zimmerer-, Tischlergesellen und Steinträger - wahrscheinlich zum großen Teil Beschäftigte auf den Neubauten der Luisenstadt.

Ein wunderbares Essay vom Historiker Kurt Wernicke findet ihr in "Die Luisenstadt - Geschichte und Geschichten über einen alten Berliner Stadtteil". Edition Luisenstadt. Erschienen 1995, Reprint 2017 Berlin Story Verlag, ab Seite 149

Das Essay auf der Website des Bürgervereins Luisenstadt